Kulturtipps

 

Oliver Schnyder

Klassiktipp

The Beethoven Project. Klavierkonzerte Nr. 1-5, vier Ouvertüren, Oliver Schnyder, Luzerner Sinfonieorchester, James Gaffigan
In seinem Roman „Sucht mein Angesicht“ äussert der US-Schriftsteller, die Tragik des modernen Künstlers bestünde darin, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit heute wesentlich kürzer sei, als die Schöpferkraft des Künstlers andauere. Diese Tragik ist gewissermassen unter anderen Vorzeichen auch die der Klassikbranche. Die Wirkung von neuen Produktionen ist schnell verflogen und haftet kaum noch im Bewusstsein der Zuhörer. Dies ist besonders bei Aufnahmen vom sogenannten Standardrepertoire zu beobachten. Kaum, dass eine von der Kritik bejubelte Einspielung veröffentlicht ist, wird sie vom nächsten vermeintlich massstabsetzenden Projekt abgelöst.
Solche Überlegungen stimmen traurig angesichts dieser sorgfältigen schweizerischen Produktion aller Klavierkonzerte Beethovens, die es – obwohl sie es verdient hätte – schwer haben dürfte, sich auf dem Markt dauerhaft durchzusetzen. Zu gross ist die Konkurrenz an sogenannten Staraufnahmen.
Oliver Schnyder und das Luzerner Sinfonieorchester haben sich in der Konzertsaisen 2016/17 intensiv mit Beethoven auseinandergesetzt und sich Zeit genommen, um aus einem künstlerischen Reifungsprozess heraus diese Aufnahmen entstehen zu lassen. Die Frische und die Impulsivität des Musizierens, die feinen dynamischen Abstufungen im Orchester, das fliessend-beredte Spiel des Pianisten auf einem alten klangvoll-kantablen Bechstein-Flügel, der bereits von Wilhelm Backhaus gespielt wurde, verleihen jedem Konzert seine eigene Würde.
Hier wird immer gleichsam aus dem Werk heraus musiziert, nicht auf wirkungsvolle Effekte hin gespielt, sondern im kommunikativen Miteinander ein Kunstwerk erschaffen. Diese integren und uneitlen Aufführungen lassen Beethovens aufklärerische Ideale einer freien Gemeinschaft wieder auf dem Angesicht der Kompositionen erscheinen.
Frank Siebert, Fono-Forum 4/2018

 

 

Joachim Kühn New Trio

Jazztipp

Joachim Kühn New Trio: Love & Peace; Joachim Kühn (p), Chris Jennings (b), Eric Schaefer (dr)
Dass es sich bei dem Joachim Kühn New Trio nicht um eine einmalige Angelegenheit handelt, sondern um ein vielversprechendes Zukunftsprojekt, wird jetzt mit „Love and Peace“ bekräftigt. Es ist das Nachfolgealbum von „Beauty & Truth“ (2015), auf dem der für stetige kreative Wandlungen offene Pianist sein aktuelles Trio vorstellte. Der sich unmittelbar danach einstellende Erfolg bescheinigte Kühn, dass er in der Wahl seines Rhythmus-Teams die richtige Entscheidung getroffen hatte. Schon jetzt dürfte sich das New Trio einen festen Platz in seiner imponierenden Diskografie gesichert haben.
Die von der Formation ausstrahlende musikalische Magie beruht einerseits auf der nur scheinbar unauffälligen Art, mit der Chris Jennings‘ Basslinien und Eric Schaefers Beats die vielschichtigen Einfälle des Leaders begleiten. Aber auch darauf, dass Kühn, der in puncto pianistischer Virtuosität und Jazzfeeling schon lange nichts mehr beweisen muss, seine Ideen gemäss seines im Pressetext der Veröffentlichung geäusserten Statements „Nur wer frei lebt, kann auch wirklich frei improvisieren“ einsetzt. Wie geschickt er dabei vorgeht, wird in Eigenkompositionen wie „Mustang“, in der sich die vielen zunächst nur angedeuteten Motive zu einem Thema formieren und in dem nachdenklichen „Barcelona – Wien“ demonstriert. In einigen seiner neuen Stücke, so auch in dem von wuchtigen motorischen Rhythmen angetriebenen „New Pharoah“ finden sich melodische Figuren von bestechender Intensität, die durch Wiederholung noch intensiviert werden.
Dazu passen auch andere Themen wie Modest Mussorgskys „Le Vieux Château“ aus „Bilder einer Ausstellung“ sowie spannende Stücke seiner Trio-Partner, z.B. Chris Jennings „Casbah Radio“. Schon lange Zeit vor seiner Zusammenarbeit im Duo mit dem Altsaxofonisten Ornette Coleman hatte Joachim Kühn einen besonderen Bezug zu dessen Musik. Mit dem liedhaften „Night Plains“ erinnert er an den Avantgardisten.
Gert Filtgen, Fono-Forum 2/2018

 

 

 

Maya Yussef

World Music-Tipp

Maya Youssef: Syrian Dreams
Lauf Youssef kann der künstlerische Akt, Musik zu komponieren und zu spielen, Leben und Hoffnung spenden. „Syrian Dreams“, veröffentlicht auf dem Label Harmonia Mundi, entstand als Resultat ihrer Reise durch die letzten sechs Jahre, in denen sie miterleben musste, wie ihr Land in Stücke gerissen wurde.
In das Album flossen Erinnerungen an ihre Heimat ein, ebenso wir ihre Gefühle über den Krieg und seinen Einfluss auf die Bürger Syriens. Für sie erinnert Musik die Menschen wieder an ihre Menschlichkeit – und kann damit ein Gegenmittel für alle konfliktgeplagten Teile der Welt sein – nicht nur für Syrien. So trägt Youssef mit ihrer Musik dazu bei, eine Welt zu erschaffen, in der die Menschen in Frieden miteinander leben können.
Wer nun denkt, Youssef lebe vielleicht etwas zu sehr in einer Traumwelt, muss ein paar Dinge über sie wissen: Erstens ist sie eine der wenigen Frauen, die ein Instrument spielt, das sie sich selber ausgesucht hat, nämlich die Qanun. Erstmals hörte sie dieses Saiteninstrument, als sie begann, Musik zu studieren. Und sie entschied, genau dieses Instrument spielen zu wollen und kein anderes. Gewöhnlich ist die Qanun nur ein Instrument unter vielen in den grösseren Ensembles, doch Youssef hat die Qanun vor allem als Soloinstrument bekannt gemacht.
Für die, die die Qanun nicht kennen sollten: Das Instrument ist eine Art Zither mit 78 Saiten, die im Nahen Osten – und dort vor allem in der arabischen Welt und in der Türkei – gespielt wird. Das Wort „Qanun“ lässt sich auch mit „Gesetz“ übersetzen. Als einziges Instrument in traditionellen arabischen Ensembles, das alle Noten der arabischen Tonleiter auf einzelnen Saiten zu spielen vermag, gibt die Qanun in der dortigen Musik buchstäblich den Ton an – und dies auch aus dem Grund, weil sich die anderen Instrumente nach ihrer Tonhöhe und Stimmung richten müssen. Der Klang der Qanun kann das Ohr zunächst etwas irritieren – einen Eindruck bekommt man, wenn man sich gezupfte Klaviersaiten vorstellt. Aber sobald man sich an die fremdartige Tonalität gewöhnt, lernt man die Schönheit und Vielfalt ihres Klangs schätzen.
Ausserdem hat Youssef eine Gruppe mit Instrumenten und Musikern zusammengestellt, welche die Qanun wunderbar ergänzen; Barney Morse-Brown am Cello, Sebastian Fleig an den Trommeln und Attag Haddad an der Oud.
Das mit Abstand längste und komplexeste Stück des Albums ist „The Seven Gates of Damascus“ (Die sieben Tore von Damaskus). Es symbolisiert eine Reise durch die Stadt und ihre sieben Tore. Das älteste dieser geschichtsträchtigen Tore stammt noch aus der römischen Zeit. Gemeinsam spiegeln sie die Vielfalt der Stadt und des ganzen Landes wider  Momente in der Zeit, die sowohl für Muslime als auch für Christen bedeutsam sind.
Dieses wunderschöne Stück reflektiert den Geist eines Syriens in Frieden – für die Menschen, die davon träumen, ihr Land wieder aufzubauen. Dass Youssef fähig ist, dies ausschliesslich durch den Klang von Instrumenten zu erreichen, spricht für ihre Fähigkeiten als Komponistin und Musikerin. Die emotionale Bandbreite, die sie über das ganze Album hinweg auszudrücken vermag, ist atemberaubend. Indem man hört, wie sie uns die momentane Wirklichkeit und ihre Träume für Zukunft vermittelt, bekommt man unweigerlich das Gefühl, dass es für das Land tatsächlich noch Hoffung gibt.
Mit „Syrian Dreams“ hat Maya Youssef zweifelsohne ein Album geschaffen, dessen Musik uns daran erinnert, was Syrien einst gewesen ist, und das uns Hoffnung für eine friedliche Zukunft des arabischen Landes vermittelt. Obwohl die Stücke aufgrund ihrer emotionalen Kraft teilweise schwer hörbar anmuten, bietet das Album letztlich einen wunderbaren Gegensatz zu der momentanen Lage des Bürgerkriegslandes – als ein Ort ewiger Finsternis.
Richard Marcus – aus dem Englischen von Harald Eckhoff – Qantara.de 2018

Ludwig van Beethoven

Buchtipp

Martin Geck: Beethoven – Der Schöpfer und sein Universum
Welchen Einfluss hatten Shakespeare und Rousseau auf Ludwig van Beethoven? Welches Verhältnis pflegte er zu seinen Zeitgenossen wie Goethe, Napoleon und Schubert? Und wie wichtig war Beethoven seinerseits für Richard Wagner, Glenn Gould oder Aldous Huxley?
Martin Geck spürt dem geheimnisvollen Geflecht der Beziehungen nach, aber auch der Ideen und Motive, die im einzigartigen Werk Beethovens kulminieren, das mit seiner Klangfülle und Dynamik eine Zäsur in der Musikgeschichte markiert.
Er folgt mit erzählerischer Leichtigkeit der Spur der wechselseitigen Inspiration des „Götterfunkens“ von Shakespeare bis Schönberg, von Bach bis Bloch und zeigt, wie zeitlos aktuell der Titan der Musik ist.
Siedler Verlag

 

 

Reinhard Goebel

Konzerttipp

Mittwoch, 9. Mai 2018, 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur
Musikkollegium Winterthur
Leitung: Reinhard Goebel
Cembalo: Kit Armstrong – Artist in Resonance
Flöte: Dimitri Vecchi
Blockflöte: Elisabeth Wirth, Max Volbers
Oboe: Maria Sournatcheva
Trompete: Pierre-Alain Monot
Violine: Roberto González Monjas
Viola: Jürg Dähler, Nicolas Corti
Viola da Gamba: Rebeka Rusó, Martin Zeller
Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte BWV 1046-1051