Kulturtipps

 

François-Xavier Roth

Klassiktipp

Ludwig van Beethoven – Sinfonien Nr. 1 – 9, Saturova, Fujimori, Elsner, Gerhaher, MDR Rundfunkchor, GewandhausChor, Gewandhausorchester Leipzig, Herbert Blomstedt (Aufnahmen 2014-2017)
Unter den grossen Dirigenten der Gegenwart ist Herbert Blomstedt der Dienstälteste. Der 1927 in den USA geborene Schwede feierte im Juli seinen 90. Geburtstag, was ihn aber nicht hindert, im Herbst eine strapaziöse Welttournee zu planen. Als Dirigent debütierte er 1954 in Stockholm und leitete dann diverse skandinavische Orchester, bevor er 1975 die Dresdner Staatskapelle übernahm. 1985 ging er nach San Francisco und gab dann nach 1998 dem Leipziger Gewandhausorchester entscheidende neue Impulse: So führte er u.a. die alte „klassische“ Sitzordnung wieder ein, und verlieh dem sächsischen Traditionsorchester ein ganz neues Profil historisch informierter Transparenz. Wie sich das bei Beethoven auswirkt, kann man jetzt in einem zu seinem Jubiläum erschienenen CD-Zyklus nachhören, den das deutsche Label Accentus jetzt aus Leipziger Rundfunkproduktionen der letzten drei Jahre zusammengestellt hat.
Er unterstreicht mit Nachdruck Blomstedts Bedeutung als einer der führenden Beethoveninterpreten unserer Zeit. Natürlich erwartet man von einem (fast) 90-jährigen Weltbürger keine revolutionären Sprengsätze, aber was Blomstedt da mit unerschütterlicher Souveränität und einer elektrisierenden Frische aus diesen noch immer munter brodelnden Vulkanen an dramatischen Energieschüben herausholt, ohne dabei die objektive Ebene des Material-Faktischen, also des strukturellen Kontexts zu verlassen, das verleiht diesen Heiligtümern eine völlig neue innere Logik und Sogkraft. Selten klangen Beethovens Sinfonien so stringent, so druckvoll fliessend und so spannungsgeladen, wobei Blomstedt sein Ego ganz zurücknimmt und Beethovens ganz speziellen Kompositionsprozess, also die grosse Gedankenlinie in den Mittelpunkt rückt. Das unterscheidet seien Zyklus entscheidend von allen derzeit angesagten Beethovenrebellen, die sich allzu gerne in spektakulären Details verlieren, die von aussen emotionalen Zündstoff zuführen.
Blomstedts Zyklus dagegen wirkt wie aus einem Guss, in jedem Detail frappant logisch und zielgerichtet, und er unterstreicht auch die inzwischen wieder erlangte Weltgeltung des Gewandhausorchesters: Und so fügen sich hier auch die prominenten Schlüsselwerke wie die „Eroica“ oder die Fünfte ganz nahtlos in einen organischen Entwicklungsprozess, der auf alles übertriebene Pathos, auf allen Titanismus, aber eben auch jeglichen Effekt und spektakuläre Klangprofile verzichtet und aus wissender Überlegenheit sich eine letzte Spur von emotionaler Distanz bewahrt.
Selbst die den üblichen sinfonischen Rahmen sprengende, emphatische Neunte klingt frisch, schlank und präzise fokussiert, fast wie ein rational klingender Durchbruch zu einem neuen kollektiven Musikempfinden. So schärft Blomstedt den Blick auf das Wesentliche, auf das, was Beethoven eigentliche Grösse ausmacht. Ein Zyklus mit Referenzqualität.
Attila Csampai – Musik und Theater

 

 

Tomasz Stanko

Jazztipp

Vijay Iyer Sextet: Far From Over; Graham Haynes (co, fl-h, electronics), Steve Lehman (as), Mark Shim (ts), Vijay Iyer (p. fender rhodes), Stephan Crump (b), Tyshawn Sorey (dr)
Jazz in Zeiten des Aussiebens. In zehn neuen, sorgfältig konzipierten Stücken,mit kompositorischer Sensibilität und inspiriertem Klavierspiel, stimuliert Vijay Iyer die Regsamkeit eines grossartigen neuen Sextetts, das im Handumdrehen aus der Komfortzone der Hörgewohnheiten und des Mainstream lockt. Das Titelstück „Far From Over“, eine ältere Komposition, bezog sich auf dem zweiten Wahlsieg Obamas. „Prekarität“ und „Dringlichkeit“ erwähnt der Bandleader im kurzen Begleittext.
Musik heisst für Vijay Iyer immer auch Community; seit vielen Jahren hat er einen Pool von Gleichgesinnten um sich gebildet, die dieses Sextett überhaupt ermöglichten. „Was es auch sei, ich bin es nicht“ – das wäre genau das Gegenteil von dem, was der indo-amerikanische Künstler in unzähligen Projekten anstrebt. Dass er in den 70er- und 80er-Jahren viel unterschiedliche Musik hörend aufwuchs, bevor anstelle von Originalität die Surrogate ins Kraut schossen, zeigen u.a. „End of the Tunnel“ und „Wake“, die auf „Bitches Brew“ anspielen. Phänomenal, wie Steve Lehman und der erstaunlich Mark Shim ihre Timbres manipulieren, während Tyshawn Sorey die grosse Verzweigtheit seiner Trommelkunst zeigt, wunderbar kontrastiert vom samtigen Ton von Graham Haynes, dem Sohn des Drummers Ron Haynes.
Leichtigkeit kommt zustande, wenn man nicht an sie denkt. Sinnvoll mit seinen Ressourcen umgehend, schliesst Iyer mit neuer Gruppe und profunder Ästhetik auf seinem fünften Album bei ECM an seine Säulenheiligen Thelonious Monk(„Poles“), Horace Silver („Far From Over“) und Andrew Hill auf, während „Good On The Ground“ etwas von György Ligeti übersetzt. Im Finale „Threnody“ ertönt – nach einem Einstieg à la Satie ein phänomenales Lehman-Solo. Wer Iyers Leuchtkraft der Ideen über Jahre gefolgt ist, erlebt hier ein ähnlich ohrenöffnendes Erlebnis wie bei der Big Band, die Thelonious Monk und Hall Overton in der Town Hall vorstellten. In diesem Sommer war das Sextett als eine der Hauptattraktionen bei den grossen US-Festivals gebucht. Iyers Arbeitsmethode für Bands wie diese? „Interact and make something work, build something together“. Gesagt, getan!
Karl Lippegaus – Fono-Forum 9/2017

 

 

 

Aziza Brahim

World Music-Tipp

Leyla McCalla: A day for the hunter, a day for the prey
Die klassisch ausgebildete Cellistin Leyla McCalla hat dieses Instrument – mit einer sehr perkussiven Spielweise – in die amerikanische Folkmusik zurückgebracht. Denn dort, in den Kompositionen der Stringbands des letzten Jahrhunderts, hatte es seinen festen Platz: Streichmusik, die zum Tanz aufspielte. McCalla hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Musik auf die Strasse zu tragen – egal ob es jetzt eine klassische Sonate ist, oder ein Folksong aus Haiti. Sie lebt in New Orleans, und Strassenmusik hat dort einen etwas anderen Status als bei uns in Europa.
Haiti war die Heimat ihrer Eltern, die jedoch aus politischen Gründen das Land verlassen mussten. Politisches Engagement in musikalischer Verpackung gehört zum Leben von Leyla McCalla. Ihr letztes Album „Vari-Colored Songs“ enthielt mit den Vertonungen von Gedichten des Politaktivisten Langston Hughes noch ein klares politisches Statement. Leyla McCalla ergänzt solch klare politische Statements auf ihrer aktuellen CD vor allem durch die noch breitere Songauswahl. Das haitianische Liederbuch ist nach wie vor ein Fixpunkt, aber neuerdings haben auch ihr Wohnort New Orleans und das französisch-sprechende Cajun-Umfeld einen Einfluss auf ihr Repertoire.
Neue Klänge verdankt die Produktion u.a. den Studiogästen. Marc Ribot verziert mit seiner Gitarre den Haiti-Klassiker „Peze Café“, Rhiannon Giddens, Frontfrau der Carolina Chocolate Drops, kommt für ein Duett vorbei. Wenn die Songs instrumental werden, erhalten die Streicher mit Louis Michot zusätzliche Verstärkung. Gezielt eingesetzte Bläser, Kornett und Klarinette, setzen Klangtupfer. Im Kern jedoch ist es die kleine Familienband um Leyla McCalla und ihren Ehemann Daniel Tremblay, welche diese Südstaaten-Folk-Melodien tragen.
Man stelle sich einen Vorabend in den Südstaaten vor, eine etwas grössere Familienfeier, es wird erzählt, gelacht und Musik gemacht. Die Stimmung ist friedlich gelöst, ab und an wird das Gespräch etwas ernster (z.B. im Lied „Vietnam“) – so in etwa ist die Stimmung dieses Albums.

Drüner Wagner

Buchtipp

Herbert Blomstedt – Mission Musik, Gespräche mit Julia Spinola
Der Dirigent Herbert Blomstedt wurde als Sohn eines adventistischen Pastors und einer Pianistin in den USA geboren und verbrachte seine Kindheit in Schweden und Finnland, bevor er seine internationale Laufbahn. Das Buch zeichnet die verschiedenen künstlerischen Stationen des Dirigenten nach, von seinem Stockholmer Debütkonzert 1954 bis hin zu den wichtigen Chefpositionen bei der Dresdner Staatskapelle, dem San Francisco Symphony Orchestra und der Position als Leipziger Gewandhauskapellmeister.
Während eines Spaziergangs durch seine mehr als 30‘000 Bücher umfassende Bibliothek gewährt der Dirigent der Autorin Julia Spinola überraschende Einsichten in seine vielfältigen Interessen. In Gesprächen, die während einer Tournee mit dem Gewandhausorchester in diversen Dirigentenzimmern, Limousinen und Hotellobbys geführt wurden, formuliert Herbert Blomstedt auch sein künstlerisches und menschliches Ethos und erzählt von dem Verantwortungsgefühl, das ihn als Künstler leitet.
Ausserdem enthält das Buch Gespräche über das Handwerk und die Kunst des Dirigierens, über die unvergleichliche Grösse Bachs und das Metronom bei Beethoven, über Herbert Blomstedts Liebe zu dem schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar und über den internationalen Musikbetrieb.
Verlag Henschel/Bärenreiter 2017

 

 

Othmar Schoeck

Konzerttipp

Donnerstag, 2. November 2017, 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur
Musikkollegium Winterthur
Leitung: Thomas Zehetmair
Solist: Mischa Maisky, Violoncello
Richard Dubugnon – Kammersinfonie Nr. 2, Auftragswerk des Musikkollegiums Winterthur
Dmitri Schostakowitsch – Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 in Es-Dur, op. 107
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68 „Pastorale“